Kurz bevor die Sonne untergeht, verändert sich alles. Das harte Licht vom Nachmittag wird weich, die Farben werden warm, und plötzlich wirkt selbst das Feld hinterm Haus wie eine Filmkulisse. Fotograf:innen nennen diese Zeit die goldene Stunde.
Das Problem: Sie ist schnell vorbei. Wer erst losgeht, wenn das Licht schon golden ist, kommt oft zu spät. Und wer die Kamera auf Automatik lässt, wundert sich hinterher, warum auf dem Foto von der Wärme kaum etwas übrig ist.
Wir zeigen Dir, wann die goldene Stunde genau ist, wie lange sie dauert und mit welchen Einstellungen Du das Licht so auf den Sensor bekommst, wie Du es gesehen hast.
Im Herbst ist das warme Licht besonders dankbar, weil die Sonne dann auch tagsüber tief steht. Weitere Motive für diese Jahreszeit findest Du in unseren 10 Ideen zum Herbst fotografieren.
Kurz gesagt: Die goldene Stunde ist die Zeit kurz nach Sonnenaufgang und kurz vor Sonnenuntergang, in der die Sonne sehr tief steht. Das Licht ist dann weich und warm. Abends beginnt sie in Deutschland je nach Monat und Region etwa 40 bis 70 Minuten vor Sonnenuntergang, morgens endet sie entsprechend lange nach Sonnenaufgang.
Was ist die goldene Stunde?
Die goldene Stunde (englisch Golden Hour) ist die Zeitspanne, in der die Sonne nur knapp über dem Horizont steht, ungefähr bis 6 Grad Höhe. Es gibt sie zweimal am Tag: morgens direkt nach Sonnenaufgang und abends kurz vor Sonnenuntergang.
Warum das Licht dann golden ist, hat einen einfachen Grund. Steht die Sonne tief, muss ihr Licht einen viel längeren Weg durch die Atmosphäre zurücklegen als mittags. Unterwegs wird der blaue Anteil stärker gestreut, und bei Dir kommt vor allem das warme, gelbliche bis orange Licht an.
Dazu kommt der flache Winkel. Das Licht trifft Dein Motiv von der Seite statt von oben. Schatten werden lang und weich, Gesichter bekommen keine harten Augenringe, und Landschaften gewinnen an Tiefe.
Wann ist die goldene Stunde?
Eine feste Uhrzeit gibt es nicht. Die goldene Stunde hängt am Sonnenuntergang und am Sonnenaufgang, und die verschieben sich jeden Tag. Deshalb ist die einfachste Regel: Schau in Deiner Wetter-App nach, wann die Sonne heute untergeht, und zieh die Minuten aus der Tabelle ab.
| Monat | Abends beginnt das beste Licht etwa ... vor Sonnenuntergang |
|---|---|
| Januar | 50 bis 66 Minuten |
| Februar | 44 bis 53 Minuten |
| März | 41 bis 48 Minuten |
| April | 41 bis 49 Minuten |
| Mai | 45 bis 55 Minuten |
| Juni | 48 bis 61 Minuten |
| Juli | 47 bis 58 Minuten |
| August | 43 bis 51 Minuten |
| September | 40 bis 47 Minuten |
| Oktober | 42 bis 50 Minuten |
| November | 47 bis 61 Minuten |
| Dezember | 52 bis 73 Minuten |
Der kleinere Wert gilt für Süddeutschland, der größere für Norddeutschland. Gerechnet haben wir jeweils für die Monatsmitte und für den Zeitraum, in dem die Sonne zwischen Horizont und 6 Grad Höhe steht.
Ein Beispiel von uns vom Niederrhein: Mitte Oktober geht die Sonne in Goch gegen 18:42 Uhr unter. Das beste Licht beginnt dann etwa um 17:55 Uhr.
Morgens funktioniert es genauso, nur andersherum. Die goldene Stunde beginnt mit dem Sonnenaufgang und dauert ungefähr so lange, wie die Tabelle angibt.
Wenn Du es auf die Minute genau für Deinen Standort wissen willst, helfen Apps wie PhotoPills oder Sun Surveyor. Dort siehst Du auch, aus welcher Richtung die Sonne kommt. Das ist für die Planung fast wichtiger als die Uhrzeit.
Wie lange dauert die goldene Stunde?
Trotz des Namens dauert sie selten genau eine Stunde. In Deutschland sind es je nach Jahreszeit und Ort etwa 40 Minuten bis gut eine Stunde.
Das liegt daran, wie flach die Sonne am Horizont entlangläuft. Je flacher ihre Bahn, desto länger braucht sie für die letzten Grad bis zum Horizont. Im März und September steigt und sinkt sie bei uns am steilsten, dann ist die goldene Stunde am kürzesten. Im Dezember ist sie am längsten, im Hochsommer ebenfalls etwas länger. Und je weiter nördlich Du wohnst, desto mehr Zeit hast Du: In Flensburg dauert sie im Dezember deutlich länger als in Garmisch.
Wichtig für die Praxis: Das Licht hört nicht schlagartig auf, wenn die Sonne weg ist. Kurz nach Sonnenuntergang leuchtet der Himmel oft noch einmal richtig auf. Pack also nicht direkt ein.
Goldene Stunde und blaue Stunde: der Unterschied
Abends folgt auf die goldene Stunde die blaue Stunde. Die Sonne ist dann schon unter dem Horizont verschwunden, der Himmel färbt sich tiefblau und es gibt kaum noch Schatten. Morgens ist die Reihenfolge umgekehrt: erst die blaue, dann die goldene Stunde.
Die goldene Stunde ist ideal für Porträts, Gegenlicht und warme Landschaften. Die blaue Stunde eignet sich besonders für Städte, beleuchtete Gebäude und ruhige Wasserflächen, braucht aber wegen des schwachen Lichts meist ein Stativ. Wenn Du beides an einem Abend mitnehmen willst, bleib einfach eine halbe Stunde länger.
Nutze das Licht bewusst für Dein Motiv
Das Licht der goldenen Stunde ist weich und trifft Dein Motiv schräg. Wie das Bild am Ende wirkt, hängt vor allem davon ab, wo Du Dich hinstellst.
- Warmes Frontlicht für harmonische Farben. Steht die Sonne hinter Dir oder leicht seitlich, wirkt Haut weicher, Himmel und Pflanzen erscheinen satter, ohne unnatürlich zu werden. Achte auf einen ruhigen Hintergrund, damit Dein Motiv der Blickfang bleibt.
- Gegenlicht für Silhouetten und Lichtsäume. Stell Dich so, dass die Sonne hinter Deinem Motiv steht. Belichtest Du auf den Himmel, entstehen klare Silhouetten. Belichtest Du auf das Motiv, bekommt es einen leuchtenden Rand aus Licht, besonders schön bei Haaren und Gräsern. Halte die Umrisse sauber, damit sich keine störenden Elemente überlappen.
- Seitenlicht für Strukturen. Fällt das Licht von der Seite auf Dein Motiv, treten Strukturen hervor: Wellen im Sand, Baumrinde, Felsen oder Fassaden. Die langen Schatten geben dem Bild Räumlichkeit.
Unser Tipp: Geh ein paar Schritte um Dein Motiv herum und schau, wie sich Licht und Schatten verändern. Oft reicht ein halber Meter zur Seite, und das Bild wirkt komplett anders.
Kameraeinstellungen für die goldene Stunde
Mit diesen Werten kannst Du starten und sie dann an die Szene anpassen:
| Motiv | ISO | Blende | Belichtungszeit |
|---|---|---|---|
| Porträt mit unscharfem Hintergrund | 100 bis 400 | f/2.8 bis f/5.6 | 1/200 bis 1/500 s |
| Landschaft | 100 bis 400 | um f/8 | 1/200 bis 1/500 s |
| Sonnenstern | 100 | f/16 oder kleiner | nach Belichtungsmesser, oft länger, Stativ hilft |
Das Licht wird in dieser Zeit schnell weniger. Kontrollier Deine Belichtung deshalb alle paar Minuten. Wenn die Zeiten zu lang werden, heb die ISO leicht an oder setz die Kamera aufs Stativ.
Bei Gegenlicht lohnt sich ein Blick auf die Belichtungskorrektur. Die Kamera misst den hellen Himmel mit und belichtet Dein Motiv dann oft zu dunkel. Mach ein Testfoto und korrigier nach.
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Weißabgleich: Damit das Gold auch golden bleibt
Der automatische Weißabgleich versucht, Farbstiche zu neutralisieren. Genau das nimmt der goldenen Stunde ihre Wirkung, denn der warme Ton ist ja gewollt. Auf dem Display sieht das Licht dann plötzlich viel kühler aus, als Du es draußen erlebt hast.
Stell den Weißabgleich deshalb bewusst ein. Die Voreinstellungen Bewölkt oder Schatten verstärken die warmen Töne und halten sie über die ganze Serie gleich. Bei Canon entspricht das ungefähr 6.000 und 7.000 Kelvin, bei anderen Herstellern weichen die Werte etwas ab. Wenn Du lieber mit Kelvin arbeitest: Je höher der Wert, desto wärmer wird das Bild.
So gehst Du vor Ort vor:
- Vor dem ersten Bild umstellen, nicht erst, wenn Dir die Farben auffallen.
- Ein Testfoto machen und am Display prüfen, ob die Wärme so rüberkommt, wie Du sie siehst.
- Dabei bleiben, auch wenn Du die Perspektive wechselst. So passen die Bilder später farblich zusammen.
Fotografierst Du im RAW-Format, kannst Du den Weißabgleich später noch ändern. Trotzdem lohnt es sich, ihn vorher festzulegen: Du siehst schon beim Fotografieren, wie das Bild wirkt.
Mehr dazu findest Du in unserem Artikel zum Weißabgleich.
Planung: Sei vor dem Licht da
Die goldene Stunde wartet nicht. Die besten Bilder entstehen meist, wenn Du schon alles vorbereitet hast, bevor das Licht richtig gut wird.
- Mindestens 30 Minuten vorher vor Ort sein. Such Dir in Ruhe Perspektive, Bildaufbau und Fokuspunkt.
- Die Richtung der Sonne prüfen. Mit PhotoPills oder Sun Surveyor siehst Du vorher, wo die Sonne untergeht und ob sie hinter einem Hügel oder Waldrand früher verschwindet, als die Uhrzeit sagt.
- Den Horizont im Blick haben. Ein freier Blick nach Westen (abends) oder Osten (morgens) gibt Dir die meiste Zeit. Bäume oder Gebäude können als Silhouette aber auch ein starkes Motiv sein.
- Bewegung einplanen. Menschen, Tiere, Fahrräder oder Wellen bringen Leben ins Bild.
Wenn Du länger bleibst und in die blaue Stunde hineinfotografieren willst, nimm ein Stativ mit. Eine Übersicht findest Du in unserer Kategorie Stative.
Lens Flares und Sonnensterne
Die tiefe Sonne direkt ins Bild zu holen, macht viele Fotos der goldenen Stunde erst besonders. So klappt es:
- Leicht schräg zur Sonne stehen. Dann fallen Lichtreflexe ins Objektiv, ohne dass das ganze Bild überstrahlt.
- Die Sonne teilweise verdecken, zum Beispiel mit einem Ast, einem Baumstamm oder einer Person. Das reduziert die Überstrahlung und formt sauberere Flares.
- Für Sonnensterne abblenden: Bei f/16 und kleiner wird aus der Sonne ein Stern mit klaren Strahlen. Wie das genau funktioniert, zeigen wir Dir im Artikel Sonnensterne fotografieren.
Ein Tipp für Deine Augen: Schau nicht lange durch den optischen Sucher direkt in die Sonne. Nutz lieber das Display.
Wenn die Sonne selbst Dein Hauptmotiv ist, findest Du weitere Tipps in unserem Artikel Sonnenuntergang fotografieren.
Häufige Fragen zur goldenen Stunde
Schau in Deiner Wetter-App nach, wann heute die Sonne untergeht. Abends beginnt das beste Licht in Deutschland je nach Monat und Region etwa 40 bis 70 Minuten vorher. Die genauen Werte für jeden Monat findest Du in der Tabelle oben.
In Deutschland etwa 40 Minuten bis gut eine Stunde. Am kürzesten ist sie im März und September, am längsten im Dezember. Im Norden dauert sie länger als im Süden.
Ja. Sie beginnt mit dem Sonnenaufgang und dauert ungefähr genauso lange wie am Abend. Morgens hast Du oft den Vorteil, dass weniger Menschen unterwegs sind und über Wiesen noch Nebel liegt.
Ja. Im Dezember steht die Sonne so flach, dass sie für die letzten Grad bis zum Horizont deutlich länger braucht. Je nach Region sind es dann etwa 52 bis 73 Minuten. Im März und September sind es nur etwa 40 bis 48 Minuten.
Bei der goldenen Stunde steht die Sonne knapp über dem Horizont, das Licht ist warm und es gibt lange Schatten. Bei der blauen Stunde ist die Sonne schon untergegangen, der Himmel ist tiefblau und das Licht sehr weich. Abends kommt erst die goldene, dann die blaue Stunde.
Ein guter Start ist ISO 100 bis 400, Blende f/2.8 bis f/5.6 für Porträts oder um f/8 für Landschaften und eine Belichtungszeit von 1/200 bis 1/500 Sekunde. Den Weißabgleich stellst Du auf Bewölkt oder Schatten, damit die warmen Töne erhalten bleiben.
Bei einer dichten, geschlossenen Wolkendecke kommt das goldene Licht nicht durch. Aufgelockerte Wolken können dagegen ein Glücksfall sein, weil die tiefe Sonne sie von unten anstrahlt. Entscheidend ist, ob am Horizont eine Lücke ist, durch die die Sonne scheinen kann.
Ja. Tipp auf dem Display auf eine helle Stelle im Bild und zieh die Belichtung etwas herunter, damit der Himmel nicht ausfrisst. Verzichte auf den digitalen Zoom und halte das Handy ruhig, wenn das Licht weniger wird.
Zusammenfassung
- Zeitpunkt: Abends etwa 40 bis 70 Minuten vor Sonnenuntergang, morgens ab Sonnenaufgang. Sonnenuntergang in der Wetter-App nachschauen und die Minuten aus der Tabelle abziehen.
- Planung: Mindestens 30 Minuten vorher vor Ort sein, Sonnenrichtung mit einer App prüfen, freien Horizont suchen.
- Einstellungen: ISO 100 bis 400, f/2.8 bis f/5.6 (Porträt), um f/8 (Landschaft), f/16 (Sonnenstern), 1/200 bis 1/500 s.
- Weißabgleich: Bewölkt oder Schatten statt Automatik.
- Licht: Frontlicht für warme Farben, Gegenlicht für Silhouetten und Lichtsäume, Seitenlicht für Strukturen.
- Ausrüstung: Stativ, wenn Du in die blaue Stunde hinein fotografieren willst.
Die goldene Stunde ist kurz, und genau das macht sie so besonders. Wenn Du rechtzeitig da bist, Deine Einstellungen parat hast und mit dem Licht spielst, statt gegen es zu arbeiten, entstehen Bilder mit Wärme und Tiefe. Der Rest ist Übung.
Also: Schau heute Abend mal in die Wetter-App. Vielleicht reicht es ja noch.