Es gibt diesen einen Moment, den kein Bildschirm wirklich einfangen kann. Du stehst irgendwo im Dunkeln, weit entfernt von der nächsten Straßenlaterne. Deine Augen haben sich langsam an die Nacht gewöhnt und über Dir zieht sich ein blasses Band quer über den Himmel. Die Milchstraße. Unsere eigene Galaxie, von innen betrachtet.
Und dann drückst Du ab und auf dem Display erscheint ein graues, verrauschtes Nichts.
Das passiert fast jedem beim ersten Versuch. Wenn Du die Milchstraße fotografieren möchtest, liegt ein enttäuschendes Ergebnis meistens nicht an Deiner Kamera. Entscheidend sind der richtige Zeitpunkt, der passende Ort und eine Handvoll Einstellungen, die man einmal verstanden haben muss. Wir haben Dir hier zusammengefasst, worauf es wirklich ankommt.
Wann ist die Milchstraße in Deutschland sichtbar?
Die Milchstraße selbst steht das ganze Jahr über am Himmel. Besonders interessant ist allerdings das galaktische Zentrum, dieser helle, strukturierte Teil mit seinen dunklen Staubbändern. Genau das ist der Bereich, der auf Fotos besonders beeindruckt, und der ist nur während eines Teils des Jahres zu sehen.
Von hier aus, also aus Mitteleuropa, sieht der Jahresverlauf ungefähr so aus:
| Zeitraum Sichtbarkeit des galaktischen Zentrums | |
|---|---|
| Oktober bis Februar | Nicht sichtbar, es steht tagsüber am Himmel |
| März und April | In den letzten Stunden vor Sonnenaufgang, tief im Südosten |
| Mai und Juni | Theoretisch da, praktisch schwierig. Um die Sommersonnenwende wird es hier nachts nicht mehr richtig dunkel |
| Juli | Die Nächte werden wieder dunkler, das Zentrum steht gegen Mitternacht im Süden |
| August und September | Die beste Zeit. Das Zentrum steht schon am frühen Abend im Südwesten, und die Nächte sind endlich wieder tiefdunkel |
| Anfang Oktober | Letzte Chance, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, sehr tief am Horizont |
Wenn Du also im Juni frustriert warst, weil nichts zu sehen war: Das lag nicht an Dir. Im Hochsommer bleibt der Himmel hier am Niederrhein die ganze Nacht in einer leichten Dämmerung, und die schluckt jedes Detail.
Der Mond ist wichtiger als das Wetter
Ein klarer Himmel hilft Dir wenig, wenn direkt daneben der Vollmond steht. Er ist mit Abstand die stärkste Lichtquelle am Nachthimmel und überstrahlt die Milchstraße vollständig.
Plane deshalb rund um den Neumond. Ein Zeitraum von etwa fünf Tagen davor bis fünf Tage danach ist ideal. In dieser Phase ist der Himmel wirklich dunkel, und Du erkennst Strukturen, die Dir bei Halbmond schlicht verborgen bleiben.
Blickrichtung Südwesten
Wo Du die Milchstraße sehen kannst
Lichtverschmutzung ist Dein größter Gegner. Aus einer Stadt heraus wirst Du die Milchstraße kaum fotografieren können, egal wie gut Deine Ausrüstung ist. Das orangefarbene Leuchten der Straßenbeleuchtung legt sich wie ein Schleier über den gesamten Himmel.
Als Faustregel gilt: 30 bis 50 Kilometer Abstand zur nächsten größeren Stadt. Je weiter, desto besser. Im Internet gibt es Karten zur Lichtverschmutzung, auf denen Du dunkle Bereiche in Deiner Umgebung finden kannst. Hier bei uns in der Region sind das vor allem die weiten, dünn besiedelten Flächen außerhalb der Ballungsräume.
Drei Dinge, die den Unterschied machen:
- Such Dir den Ort am Nachmittag aus, nicht in der Dunkelheit. Im Hellen erkennst Du, wo der Vordergrund steht, ob der Weg passierbar ist und wo Du Dein Stativ aufstellen kannst. Nachts suchst Du sonst mit der Taschenlampe nach einem Motiv und findest keins.
- Gib Deinen Augen 20 Minuten. Die Dunkeladaption braucht ihre Zeit. Nach zwanzig Minuten ohne helles Licht siehst Du deutlich mehr als während der ersten fünf, und die Milchstraße tritt mit bloßem Auge stärker hervor.
- Nimm eine Stirnlampe mit Rotlicht mit. Rotes Licht beeinträchtigt die Anpassung Deiner Augen kaum, weißes Licht zerstört sie innerhalb weniger Sekunden.
Welche Ausrüstung Du brauchst
Du brauchst weniger, als Du vielleicht zunächst denkst. Ein Teleskop ist für die Milchstraße jedenfalls nicht notwendig, eher im Gegenteil.
Kamera: Jede Kamera mit manuellem Modus funktioniert, also praktisch jede System- oder Spiegelreflexkamera. Größere Sensoren sammeln mehr Licht und rauschen weniger, aber auch mit APS-C bekommst Du sehr ordentliche Ergebnisse.
Objektiv: Hier liegt der größte Hebel. Du möchtest ein Weitwinkel mit einer möglichst offenen Blende. Eine Brennweite zwischen 14 und 24 mm fängt ausreichend Himmel ein, und eine Anfangsblende von f/2.8 oder offener lässt so viel Licht auf den Sensor, dass Du die Belichtungszeit kurz halten kannst. Ein lichtschwächeres Kit-Objektiv mit f/3.5 funktioniert zur Not ebenfalls, kostet Dich aber eine Blendenstufe, die Du über die ISO ausgleichen musst.
Stativ: Nicht verhandelbar. Du belichtest 20 Sekunden und länger, aus der Hand funktioniert das nicht. Entscheidend ist weniger das Gewicht als die Standfestigkeit. Wenn Du auf einer Wiese stehst und Wind aufkommt, entscheidet das Stativ darüber, ob Deine Sterne tatsächlich Punkte bleiben. Wenn Du möglichst kompakt unterwegs sein möchtest, kann ein flexibles Kamerastativ eine praktische Alternative zu einem großen Reisestativ sein.
Fernauslöser oder Selbstauslöser: Schon das Drücken des Auslösers kann das Bild verwackeln. Wenn Du keinen Fernauslöser hast, stell den Selbstauslöser einfach auf zwei Sekunden.
Ersatzakku: Kälte zieht Akkus schneller leer, als man denkt. Eine klare Nacht im September kann kalt sein, selbst wenn der Tag vorher warm war.
Die richtigen Kameraeinstellungen
Alles auf manuell. Der Automatikmodus ist bei solchen Lichtverhältnissen komplett überfordert.
Blende: so weit offen wie möglich. Also f/2.8, wenn Dein Objektiv es zulässt, ansonsten die kleinste Zahl, die möglich ist. Jede Blendenstufe, die Du zumachst, musst Du an anderer Stelle mit einer höheren ISO oder einer längeren Belichtung ausgleichen.
ISO: 3200 bis 6400. Das klingt zunächst nach viel, und ja, das Bild wird rauschen. Trau Dich trotzdem. Rauschen lässt sich in der Nachbearbeitung deutlich reduzieren, ein zu dunkel belichtetes Bild dagegen nur schwer retten. Fang bei ISO 3200 an und geh höher, wenn das Ergebnis weiterhin zu dunkel ist.
Belichtungszeit: nach der 500er-Regel. Dazu gleich mehr in einem eigenen Abschnitt.
Dateiformat: immer RAW. Bei kaum einer anderen Aufnahmesituation ist der Unterschied so groß. Ein JPEG hat Kontraste und Farben bereits festgeschrieben, ein RAW gibt Dir dagegen den Spielraum, den Du bei der Bearbeitung dringend brauchst.
Weißabgleich: manuell, ungefähr 3800 bis 4200 Kelvin. Der automatische Weißabgleich kann von Bild zu Bild schwanken und färbt Dir den Himmel mal orange, mal grün. Ein fester Wert sorgt dafür, dass alle Aufnahmen des Abends miteinander vergleichbar bleiben.
Fokus: manuell, über den Live-View. Das ist der Punkt, an dem viele Versuche scheitern. Der Autofokus findet nachts kaum Kontrast und pumpt endlos hin und her. So gehst Du stattdessen vor: Live-View einschalten, auf einen hellen Stern schwenken, in der Bildschirmvergrößerung maximal hineinzoomen und anschließend von Hand so lange am Fokusring drehen, bis der Stern als kleinstmöglicher Punkt erscheint. Danach den Fokus nicht mehr anfassen. Wenn Dein Objektiv einen Schalter besitzt, stell ihn auf MF, damit nichts mehr verrutscht.
Wenn Du Blende, ISO und Verschlusszeit noch einmal grundsätzlich verstehen möchtest, findest Du in unserem Ratgeber zum Belichtungsdreieck eine ausführliche Erklärung zum Zusammenspiel der drei Einstellungen.
Die 500er-Regel gegen Strichspuren
Die Erde dreht sich, und zwar schneller, als es sich für uns anfühlt. Belichtest Du zu lange, werden aus den Sternen kleine Striche. Manchmal kann das ein gewünschtes Stilmittel sein, bei der Milchstraße stört es jedoch.
Die 500er-Regel gibt Dir dafür eine schnelle Obergrenze:
500 geteilt durch Deine Brennweite = längste Belichtungszeit in Sekunden
Bei 20 mm sind das 25 Sekunden. Bei 14 mm ungefähr 35 Sekunden. Bei 35 mm bleiben nur noch etwa 14 Sekunden.
Wichtig bei APS-C: Hier musst Du zunächst die Brennweite mit dem Crop-Faktor multiplizieren, in der Regel 1,5, bei Canon 1,6. Aus 20 mm werden dadurch 30 mm, und damit sind nur noch ungefähr 16 Sekunden statt 25 möglich.
Pro-Tipp: Die Regel ist eine Näherung und keine Naturkonstante. Auf modernen Sensoren mit hoher Auflösung erkennst Du in der 100-Prozent-Ansicht teilweise auch bei korrekter Rechnung bereits leichte Striche. Wenn Du es genauer haben möchtest, geh von 500 auf 400 herunter und gleiche die kürzere Belichtungszeit mit der ISO aus.
Der Vordergrund entscheidet über das Bild
Ein Foto, das ausschließlich aus Sternenhimmel besteht, wirkt erstaunlich schnell langweilig. Es fehlen der Bezug, die Größe und der Ort. Was ein Milchstraßen-Bild wirklich stark macht, ist das, was unten im Bild zu sehen ist: ein einzelner Baum, eine Bergsilhouette, eine alte Kapelle oder ein See, der den Himmel spiegelt.
Such Dir also nicht einfach irgendeinen dunklen Ort, sondern einen dunklen Ort, an dem es auch etwas zu sehen gibt.
Der Trick mit zwei Belichtungen
Hier entsteht allerdings ein Problem: Wenn Du für den Himmel belichtest, bleibt der Vordergrund eine schwarze Fläche. Belichtest Du dagegen lange genug für den Vordergrund, sind die Sterne längst zu Strichen geworden.
Die Lösung ist einfacher, als sie zunächst klingt. Du machst zwei Aufnahmen vom selben Stativ, ohne die Kamera zwischendurch zu bewegen:
- Die Himmelsaufnahme mit den Werten von oben, also offene Blende, hohe ISO, Belichtungszeit nach der 500er-Regel.
- Die Vordergrundaufnahme direkt danach mit niedriger ISO, zum Beispiel 400, und dafür einer deutlich längeren Belichtungszeit. Zwei, drei oder auch fünf Minuten sind hier kein Problem, weil es nicht stört, wenn die Sterne in dieser Aufnahme verwischen.
Später legst Du beide Bilder in Photoshop oder einem ähnlichen Programm übereinander und maskierst den sauberen Vordergrund in das Himmelsbild hinein. Das Ergebnis ist ein Bild mit punktförmigen Sternen und einem Vordergrund, auf dem man tatsächlich etwas erkennen kann.
Der ehrliche Hinweis dazu: Es handelt sich um eine Montage aus zwei Aufnahmen desselben Motivs und nicht um eine Einzelaufnahme. Wenn Du das Bild veröffentlichst, schreib es dazu. Ehrlichkeit gehört bei uns dazu.
Wenn Du Dich generell mit langen Belichtungszeiten beschäftigen möchtest, findest Du in unserem Ratgeber zu Stativ und Langzeitbelichtung weitere praktische Anwendungsbeispiele.
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Die häufigsten Fehler
- Autofokus anlassen. Das Ergebnis sind unscharfe Sterne, und auf dem kleinen Display fällt das häufig gar nicht auf.
- Zu vorsichtig belichten. Aus Angst vor Rauschen zu dunkel fotografieren und den Rest später „in Lightroom retten“ wollen. Genau dann wird das Rauschen erst richtig sichtbar.
- Bei Vollmond losfahren. Ein klarer Himmel allein reicht nicht aus.
- Im Sommer aufgeben. Im Juni ist es hier nachts nicht dunkel genug. Das hat nichts mit Können zu tun, sondern mit Astronomie.
- Ohne Plan losfahren. Den passenden Ort erst im Dunkeln zu suchen, kostet schnell die halbe Nacht.
- Nach fünf Minuten fotografieren. Deine Augen brauchen zwanzig Minuten, und Deine Bildbeurteilung ebenfalls.
Nachbearbeitung der Milchstraße, kurz gefasst
Ein RAW direkt aus der Kamera sieht zunächst flau aus. Das ist völlig normal und kein Fehler. Die wichtigsten Schritte:
- Weißabgleich final setzen, weg vom orangen Stich der Lichtverschmutzung
- Kontrast und Klarheit anheben, damit die Staubbänder stärker hervortreten
- Tiefen leicht öffnen, Lichter zurücknehmen
- Rauschreduzierung, aber mit Maß. Zu viel davon macht aus Sternen schnell Matsch
- Zum Schluss leicht nachschärfen
Mehr brauchst Du für den Anfang nicht. Wer später tiefer einsteigen möchte, landet irgendwann beim Stacking, also beim Verrechnen mehrerer Aufnahmen zu einem rauschärmeren Bild. Das ist allerdings ein Thema für den zweiten Sommer.
Häufige Fragen
Ja, wenn der Himmel dunkel genug ist. Bei Neumond und mit ausreichend Abstand zur Stadt siehst Du ein blasses, milchiges Band. Die Farben, die Du auf Fotos erkennst, nimmt das menschliche Auge allerdings nicht wahr, sie entstehen erst durch die lange Belichtung.
Von Ende August bis Ende September steht das galaktische Zentrum bereits am frühen Abend im Südwesten, und die Nächte sind wieder richtig dunkel. Das ist das beste Fenster des Jahres.